Die Sozialanthropologin Mizuko "Mimi" Ito gilt als international anerkannte Expertin für den Umgang mit mobiler Technologie im Alltag. In den vergangenen Jahren hat sich Ito, die im diesjährigen Trendforum der Telekom über "user generated content" referiert hatte, zudem intensiv mit den Auswirkungen digitaler Kommunikationstechnologie auf Kinder und junge Erwachsene beschäftigt. Im TR-Interview erklärt sie, was die "digital natives" von ihren Eltern unterscheidet.
TR: Frau Ito, Sie erforschen den Gebrauch von Medien und Technologie von Kindern und Jugendlichen. Es gibt immer wieder Berichte über das Phänomen der "Digital Natives" mit dem Tenor dass diese Jugendlichen ganz andere Fähigkeiten und Möglichkeiten hätten als ihre Eltern. Stimmt das?
Mizuko Ito: Ich denke, es ist sehr wichtig, genau zu definieren, über was wir sprechen. Wenn sie sich das Sozialverhalten dieser Jugendlichen ansehen, ist das nicht so verschieden: Sie hängen mit ihren Freunden herum, sie haben romantische Beziehung und so weiter. Der Unterschied liegt in den Werkzeugen, die sie dafür verwenden. Sie verwenden soziale Netzwerke und Instant Messaging für Zwecke, für die frühere Generationen das Telefon oder die direkte Verabredung verwendet haben.
Es gibt aber einen Aspekt dabei, der mir sehr anderes vorkommt: Der Gebrauch von Medien ist sehr zentral geworden dafür, wie diese Kinder und Jugendlichen ihre Persönlichkeit nach außen präsentieren.
TR: Moshe Rappoport, ein Forscher am IBM Lab in Zürich argumentiert, dass die Erfahrung mit Computerspielen, die Jugendliche heutzutage machen, die Art verändert, wie sie denken? Halten Sie das für möglich?
Ito: Nun, ich bin kein Psychologe. Ich untersuche nicht, ob sich das Gehirn der Kinder verändert, oder ihre Psyche. Aber ich denke schon, dass der permanente Zugang dieser Jugendlichen zu Oline-Kommunkation haben, zur Entwicklung von neuen sozialen Normen und auch zu einer neuen Form von technischer Bildung und Medienkompetenz führt. Und das hat sicherlich Nebenwirkungen. Aber zunächst sind die Jugendlichen online, um mit anderen zusammen zu sein, Kontakte zu knüpfen und so weiter. Und während sie das tun, lernen sie sozusagen im Vorbeigehen eine Menge über Technologie.
TR: Es gibt gerade in Deutschland eine anhaltende Diskussion über die Gefahren des ständigen Online-gehens – Stichwort Internetsucht. Wie schätzen Sie das ein?
Ito: Wie immer ist das auch hier eine Frage der Ausgewogenheit. Früher haben sich die Leute Sorgen gemacht, dass die jungen Leute zu viel fernsehen oder telefonieren. Ich denke, das ein Teil der Befürchtungen ein wenig übertrieben sind – wie zum Beispiel die Angst, das die Jugendlichen die Fähigkeit zu sozialen Bildungen verlieren. Wenn Sie sich ansehen, was die online machen, dann ist das in hohem Maße gesellig. Ein anderer wichtiger Aspekt, der oft vernachlässigt wird, ist die Tatsache, dass viele Jugendliche weniger Zeit haben als früher und auch nicht so mobil sind. In vielen Fällen ist online zu sein also die wichtigste Möglichkeit informelle soziale Kontakte zu pflegen.
TR: Die ersten Jugendlichen aus dieser Generation sind jetzt auf dem Arbeitsmarkt. Werden die Digital Natives die Art, wie wir arbeiten, verändern?
Ito: Gute Frage. Ja, ich glaube schon. Einer der wichtigsten Änderungen wird die Beziehung zu Informationen betreffen. Digital Natives sind es gewohnt, ständig alle Informationen verfügbar zu haben – und selbstständig zu lernen. Idealerweise werden die sich also sehr viel besser anpassen können, als früher und ihre Kenntnisse und Fähigkeiten auf dem neusten Stand halten, ohne dass man sie zu einer offiziellen Weiterbildung schicken muss.
TR: In den vergangen Jahren haben wir den steilen Aufstieg von Videoportalen wie Youtube erlebt. Ist das ein Resultat des Generationenwechsels im Internet?
Ito: Ich bin überzeugt davon, dass Youtube zwar in hohem Maße von der Beteiligung der User lebt, aber das ist eindeutig kein Teenager-Portal. Ich denke, wir sehen im Moment, dass es gerade junge Leute sind, die neue Dinge entwickeln und eine neue Art von Content pushen – das hatte man ja beispielsweise auch bei SMS gesehen, wo die jungen Leute eine neue Art der Kommunikation entwickelt haben. Aber diese Dinge verbreiten sich dann auch in andere demographische Schichten.
TR: Wird die Dominanz von Videos im Internet auch Auswirkungen auf die Offline-Kultur haben? Zum Beispiel was das Aussterben von Zeitungen angeht?
Ito: Ich denke, es gibt einen großen Unterschied zwischen Papier-Medien und Text. Text ist genauso wichtig wie er immer war. Wenn Sie sich anschauen, wie viel die Jugendlichen online schreiben und lesen – das ist unglaublich. Wenn es um die Frage geht, ob Jugendliche die selbe Beziehung zu Papier-Medien haben, wie ihre Eltern und Großeltern, dann ist das für mich noch eine offene Frage. Bestimmte Formate wie Zeitungen und Magazine kommen zunehmend unter Druck.
TR: Traditionelle Medien haben oft Schwierigkeiten mit der lockeren Art und Weise, in der gerade Jugendliche mit ihren Inhalten umgehen. Denken Sie, das klassische Urheberrecht hat da eine Zukunft?
Ito: Ich denke, das traditionelle Urheberrecht steht von einer großen Herausforderung. Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite gibt es ein experimentieren mit neuen Urheberrechtsmodellen, die es professionellen Kreativen und Publishern erlaubt, Geld zu verdienen, während sie gleichzeitig von der Energie und Kreativität der Amateurszene profitieren.
TR: Was erwartet uns in den nächsten Jahren? Wohin wird sich das Internet entwickeln?[
Ito: Gute Frage. Was wir im Moment beim mobilen Internet sehen ist sehr interessant – Web 2.0 und soziale Netze auf mobilen Geräten. Da passieren spannende Sachen. In Japan haben wir zum Beispiel vor einigen Jahren das Aufkommen von Romanen und Erzählungen gesehen, die spezielle für Mobiltelefone geschrieben wurden. Und so wird es auch hier neue Genres und Medienformen geben, die speziell für mobile Geräte optimiert sind. Wir sehen da gerade erst den Anfang der Entwicklung.
Ich denke, das sich auch im Bereich des Remixing noch einiges tun wird. Gerade was das Mixen von Video-Inhalten angeht. Das gibt es zwar schon seit einigen Jahren, aber normalerweise dauert es einige Jahre bis sich aus den technischen Möglichkeiten heraus neue kulturelle Formen entwickeln.
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