Dienstag, 17. März 2009

Die "Schlanke Innovation", Netbooks für $ 75,- mit 40 Std. Betriebszeit ... ?


Während Apple seinen sprechenden iPod Shuffle präsentierte, zerbrachen sich Technologen auf der alljährlichen Emerging Technology Konferenz von O'Reilly Media in San Jose die Köpfe darüber, wie Computer, Programme und Web-Dienste für die große Mehrheit der Erdbevölkerung aussehen sollen, für die selbst ein Netbook unerschwinglich ist. Das Rezept, auf das Neugründungen wie Pixel Qi und Playpower setzen, heißt intelligenter Umbau bestehender Hardware und Software.

Pixel Qi ist die neueste Firma der ehemaligen Intel-Ingenieurin Mary Lou Jepsen, die bis vergangenes Jahr Cheftechnologin der Organisation One Laptop Per Child (OLPC) war. Die Entstehung des grün-weißen XO-Rechners für Kinder in der Dritten Welt inspirierte sie, aus dem gemeinnützigen Vorhaben einen kommerziellen Anbieter auszugründen, berichtete sie im Gespräch mit Technology Review.

Nach einigen Verzögerungen auf der technischen und finanziellen Seite wird Pixel Qi noch dieses Jahr die erste Generation von Multifunktions-Flachbildschirmen auf den Markt bringen, die deutlich günstiger und energiesparender als gängige Laptop-Monitore sind. Die Bildschirme sollen in neue Netbooks und E-Reader eingebaut werden, so Jepsen, und können sich je nach Betrieb an drei unterschiedliche Nutzungsbedingungen anpassen. Einmal im Strom sparenden Schwarz-Weiß-Betrieb wie elektronisches Papier, bei dem der Bildschirm nicht ständig beleuchtet werden muss. Zweitens eine niedrig auflösende Farbdarstellung, wie sie der XO-Computer heute mit einem Watt leistet, und drittens als hoch auflösender Monitor, wie er sich in Standard-Laptops und HD-Fernsehern befindet.

"Wir haben es geschafft, eine Million unserer XO-Rechner an Kinder in 30 Ländern zu verteilen. Das war ein guter erster Schritt – wir haben eine Lawine losgetreten. Jetzt wollen wir bestehende Fabriken und bestehende Technologien einsetzen, um Kosten und Energieverbrauch drastisch zu senken", so Jepsen. Die neuen Flachbildschirme werden etwas mehr kosten als ein herkömmlicher zehn Zoll LCD-Monitor, der gegenwärtig für 30 bis 40 Dollar zu haben ist.

Ihre Komponenten will die Firma mit Sitz in Kalifornien und Taiwan an andere Unternehmen lizenzieren, die sie dann in ihre Produkte integrieren können. "Jeder Hersteller kann sie in seine Geräte einbauen, aber wir bieten Sonderkonditionen für OLPC und andere gemeinnützige Einrichtungen." Konkrete Namen von Partnern wollte sie noch nicht nennen, aber einer sei eine große Stiftung in China.

Am Ende hofft die Entwicklerin, den Preis für ein Netbook, das bis zu 40 Stunden Betriebszeit schafft, auf 75 Dollar zu senken. Das Geheimnis liegt in größeren Stückzahlen und schnellerer Innovation, wenn die Technik weit verbreitet im Einsatz ist, so ihr Kalkül. Das OLPC-Projekt hingegen litt schon kurz nach seinem Start unter Zank und Konkurrenz mit dem Chipriesen Intel, der einen eigenen Classmate-Laptop auf den Markt brachte.

Damit liegt Pixel Qi als halb philanthropisches Unternehmens mitten im nächsten großen Wachstumsmarkt, den Experten in einer ansonsten arg strapazierten IT-Branche ausmachen. Während der Absatz von PCs und Laptops in diesem Jahr um 12 Prozent zurückgehen soll und selbst bei Handys die Zeichen auf Sturm stehen, sehen die Prognosen für billige Netbooks viel versprechend aus. So wurden 2008 rund 17 Millionen dieser Kleinrechner verkauft, in diesem Jahr sollen es 50 Millionen sein.

"Der Krieg um Prozessoren ist vorbei, jetzt kommt die Schlacht um Bildschirme", zitierte Jepsen einen ungenannten PC-Hersteller. Dabei kommt ihrer Firma sogar die weltweite Rezession zu Gute. Komponentenhersteller, insbesondere von LCD-Flachbildschirmen, leiden unter massiven Verlusten und haben Werke still gelegt. Die Preise für Bauteile haben sich seit dem dritten Quartal 2008 halbiert. Flachbildhersteller seien aufgrund der Flaute zum ersten Mal bereit, ihre ruhenden Fertigungsstraßen auch für neuartige Designs zur Verfügung zu stellen, so Jepsen.

Die Fantasie von Hardware-Herstellern, Verlagen und Entwicklungshelfern ist durch neue Geräte beflügelt worden – vom OLPC-Rechner für Schulkinder und den Eee PC der Marke Asus über Amazons neues Kindle-Modell bis zu einem ultraflachen E-Reader der Firma Plastic Logic, die dazu eigens ein Werk bei Dresden gebaut hat.

Den meisten dieser neuen, tragbaren Geräte fehlt ein hochauflösender Farbbildschirm, auf dem sich Fotos oder gar Videos in der vom PC oder Fernseher gewohnten Qualität darstellen lassen. Stattdessen enthalten sie ein Display, das sich im Freien gut ablesen lässt. Im Vergleich zu Pixel Qis Konzept, den Monitor wie ein Schweizer Messer mit drei Klingen je nach Bedarf umschalten zu können, bietet etwa Amazons gerade erst eingeführter, monochromer Kindle 2 nur wenige Funktionen neben dem reinen Lesen.

Nach einem Monitor für tragbare Geräte plant Jepsen im kommenden Jahr einen Energie sparenden Fernseher für weniger als 100 Dollar und weniger als 10 Watt Leistung auf den Markt zu bringen. Dafür besteht gerade in Indien enorme Nachfrage.

Interessenten für die variablen Displays sollten sich neben der Dritten Welt auch in reichen Industrieländern finden – unter anderem Zeitungsverlage, die ihre Inhalte auf neue Art und Weise vertreiben wollen. Wie die Zeitung der Zukunft aussehen kann, demonstrierte Nick Bilton, Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung der New York Times, auf der ETech-Konferenz. Papier ist für ihn nur eines von mehreren "Endgeräten", auf dem Kunden Informationen abfragen – und zwar das veraltete Modell.

So arbeitet die renommierte Tageszeitung an Multimedia-Programmen, die auf tragbaren Geräten laufen. Sie merken, welche Artikel ein Abonnent bereits im Web gelesen hat, so dass sich die Titelseite dynamisch verändert, und können Informationen aus Sensoren berücksichtigen. Wenn der Beschleunigungsmesser in einem Mobilgerät bemerkt, dass der Abonnent mobil ist, könnte die Zeitungssoftware beispielsweise von Text auf Audio umschalten.

Bilton zeigte außerdem einen Prototypen für einen intelligenten Zeitungskasten namens CustomTimes, bei dem der Kunde eine Chipkarte oder sein Handy benutzt, um eine thematisch wie örtlich maßgeschneiderte Zeitung auszudrucken, bei der selbst die Anzeigen dem Standort des Kastens angepasst sind. Artikel werden schon bald mit einem optischen oder SMS-Code versehen sein, um Zusatzinformationen online aufzurufen.

Den kleinsten gemeinsamen Nenner der Computerwelt hat die Neugründung Playpower.org im Auge. Von drei Studenten an der Universität Kalifornien in San Diego (UCSD) ins Leben gerufen, will die Stiftung kleine und billige Lernprogramme für Kinder in der Dritten Welt in Umlauf bringen. Dazu hofft Playpower eine Brücke zu schlagen zwischen Open Source-Programmierern, die sich alten 8 Bit-Rechnern verschrieben haben, und Billig-Herstellern in Schwellenländern wie Indien und China. Dort werden die nicht mehr Patent-geschützten Erben des Apple II von Atari- und Nintendo-Konsolen nachgebaut und für zehn bis 12 Dollar das Stück verkauft.

Womit Jugendliche in den USA oder Deutschland in den Achtzigerjahren spielten, bevor es in den Sondermüll wanderte, unterhalten sich heute Millionen von Kindern und jungen Erwachsenen in ärmeren Regionen der Welt. Playpower-Mitgründer Jeremy Douglass schätzt, dass alleine in China jährlich zehn Millionen dieser Fernsehcomputer über die Ladentheke gehen. In den vergangenen 20 Jahren haben diese Hersteller weltweit nach eigenen Schätzungen rund 600 Millionen Geräte verkauft, bei denen die Software im Tastaturgehäuse eingebaut ist.

"Uns geht es um Software-Design für die restlichen 90 Prozent der Menschheit", sagte Derek Lomas, der Hobbyprogrammierer, spielfreudige Jugendliche, Lehrer und Hersteller zusammenbringen will. Bislang werden vor allem schlechte und billige Programme direkt auf den Speicher der Billigrechner aufgespielt, so Lomas. Die hauchdünnen Margen bieten Herstellern keinen Anreiz, in die Entwicklung von Bildungsprogrammen zu investieren.

Wenn sich die Gemeinde von 8-Bit-Hackern in aller Welt engagiert und Ideen einspeist, könnten Kinder von Bangalore bis Peking schon bald in den Genuss von Software kommen, die ihnen langfristig Wissen vermittelt und so die Chancen für einen besser bezahlten Job vermehrt. Bislang sucht Playpower nach Partnern, so Lomas, der bereits mit Gleichgesinnten an Hochschulen in Brasilien, Indien und China zusammenarbeitet.

Quelle:

Von Steffan Heuer

Posted via web from Superglide's Personal Blog ...

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